Seit wann brauchen Frauen über 60 eigentlich eine Erlaubnis für ihr eigenes Leben?
Ich frage mich das in letzter Zeit immer öfter. Denn irgendetwas scheint sich zu verschieben, wenn Frauen über 60 sind. Da haben wir jahrzehntelang unser Leben gemeistert, Kinder großgezogen, Beziehungen geführt, gearbeitet, Krisen überstanden und Entscheidungen getroffen, auch dann, wenn wir vorher nicht wussten, ob sie richtig sein würden. Wir haben Verantwortung übernommen und meistens ziemlich schnell gelernt, dass das Leben sowieso nicht nach Plan läuft und wir trotzdem einen Weg finden müssen.
Und dann sind die Kinder irgendwann erwachsen, wir selbst sind über 60 und plötzlich entsteht eine eigenartige Umkehrung. Auf einmal scheint das Umfeld ziemlich genau zu wissen, was jetzt für uns gut wäre. Besonders spannend finde ich es, wenn die eigenen erwachsenen Kinder beginnen, das Leben ihrer Mutter zu bewerten. Was sie tun sollte, wovon sie besser die Finger lässt, was finanziell vernünftig ist, was zu riskant erscheint und was man in diesem Alter überhaupt noch anfangen muss.
Da frage ich mich schon: Seit wann brauchen wir dafür eigentlich eine Erlaubnis?
Komisch. Erst brauchen die Kinder unsere Erlaubnis. Und irgendwann sollen wir ihre brauchen?
Ich erlebe dieses Thema nicht nur in meinem persönlichen Umfeld, sondern auch in meiner therapeutischen Arbeit. Gerade Frauen sind häufig über Jahrzehnte so eng in Familie und Beziehungen eingewoben, dass es ihnen irgendwann schwerfällt, sich aus diesem Geflecht überhaupt noch als eigenständige Frau herauszuschälen.
Wir werden zum Beziehungsbindepadex der Familie. Irgendwo knirscht es und die Mutter wird angerufen. Jemand braucht Unterstützung und natürlich ist sie da. Es gibt Probleme und selbstverständlich findet sie eine Lösung. Die Mutter ist schließlich stark, sie hat schon so viel geschafft, die packt das auch noch.
Und genau deshalb kann man ihr offenbar auch noch ein bisschen mehr zumuten.
Man kann ihre Entscheidungen kommentieren, ihre Ideen bewerten und ihr erklären, was für sie vernünftig wäre. Und wenn sie sich dadurch verletzt fühlt oder irgendwann keine Lust mehr darauf hat, ständig die Starke zu sein, ist da schnell wieder diese unausgesprochene Selbstverständlichkeit: Ach, die Mutter hält das aus.
Ja, wahrscheinlich hält sie es aus.
Die viel interessantere Frage ist doch: Warum sollte sie es weiterhin müssen?
Denn irgendwo zwischen all dem Tragen, Zusammenhalten und Rücksichtnehmen kann etwas passieren, das zunächst kaum auffällt. Eine Frau gewöhnt sich daran, das eigene Leben immer im Zusammenhang mit den anderen zu denken. Eine Entscheidung ist dann nicht einfach ihre Entscheidung, sondern sofort taucht die Frage auf, was der Partner dazu sagt, wie die Kinder reagieren werden und ob anschließend wieder irgendein familiärer Haussegen schief hängt.
So entsteht Stillstand nicht unbedingt dadurch, dass uns jemand tatsächlich festhält. Manchmal haben wir uns über Jahrzehnte so sehr daran gewöhnt, für alle anderen mitzudenken, dass wir irgendwann gar nicht mehr bemerken, wie sehr wir uns selbst dabei einengen.
Und da finde ich, darf es mit über 60 ruhig noch einmal richtig interessant werden.
Da bin nämlich auch noch ich
Eine Frau hört nicht auf, ein eigenständiger Mensch zu sein, nur weil sie Mutter geworden ist. Und sie wird auch nicht irgendwann hauptsächlich zur Mutter ihrer erwachsenen Kinder, zur Ehefrau, zur Partnerin oder zur familiären Auffangstation, die möglichst zuverlässig an ihrem Platz bleibt, damit das gewohnte Gefüge nicht durcheinandergerät.
Unter all diesen Rollen gibt es immer noch diese Frau mit ihren eigenen Gedanken und Ideen, mit ihrer Neugier und auch mit Wünschen, die mit niemand anderem etwas zu tun haben müssen.
Und ich glaube, gerade mit über 60 kann es unglaublich erfrischend sein, diese Frau wieder deutlicher hervorzuholen.
Nicht indem wir gegen unsere Familie kämpfen oder plötzlich auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum, den Unterschied wieder zu spüren zwischen Verbundenheit und Anpassung. Ich kann Menschen lieben und trotzdem anders entscheiden. Ich kann eine enge Beziehung zu meinen Kindern haben und trotzdem ein Leben führen, das ihnen nicht in jedem Punkt gefällt. Und ich kann mit einem Partner verbunden sein, ohne sein Ja zu meiner Eintrittskarte für meine eigenen Ideen zu machen.
Das ist für mich keine Abgrenzung vom Leben. Es ist eine Rückkehr mitten hinein.
Mit über 60 komme ich nicht frisch aus der Verpackung
Genau deshalb verstehe ich diese Vorstellung nicht, dass Frauen mit zunehmendem Alter automatisch vorsichtiger, angepasster und möglichst berechenbar werden sollten.
Wir kommen doch mit über 60 nicht frisch aus der Verpackung.
Da liegt ein ganzes Leben hinter uns, und dieses Leben hat Spuren hinterlassen. Es hat uns Erfahrungen geschenkt, uns manchmal ordentlich auf die Nase fallen lassen und uns gezwungen, wieder aufzustehen. Wir haben erlebt, dass Entscheidungen schiefgehen können und dass die Welt trotzdem nicht untergeht. Wir wissen inzwischen, dass Menschen uns enttäuschen können, dass Sicherheiten wegbrechen und dass Wege, von denen wir überzeugt waren, plötzlich nicht mehr funktionieren.
Und trotzdem sind wir noch da.
Für mich ist genau das eine ungeheure Ressource dieser Lebensphase. Denn zu dieser Erfahrung kommt etwas, das gerne unterschätzt wird: Da ist noch Kraft. Da ist noch Neugier. Und da kann noch diese Sprungkraft sein, mit der wir sagen: Ich möchte wissen, was da draußen noch auf mich wartet.
Warum sollte ausgerechnet jetzt die Zeit beginnen, in der wir nur noch das verwalten, was wir bereits haben?
Und ja, das gilt auch für Geld
Gerade beim Thema Finanzen wird für mich besonders sichtbar, wie schnell sich andere Menschen plötzlich zuständig fühlen. Dabei sehe ich überhaupt keinen Grund, weshalb die finanzielle Situation, die eine Frau mit 60 oder 65 hat, automatisch die finanzielle Situation für den Rest ihres Lebens sein sollte.
Die Welt verändert sich und mit ihr verändern sich Möglichkeiten. Also dürfen auch wir neu hinschauen, uns informieren und Dinge kennenlernen, mit denen wir uns früher nie beschäftigt haben. Wir können prüfen, ob alte Vorstellungen von finanzieller Sicherheit überhaupt noch zu unserem heutigen Leben passen, und wir können neue Wege einschlagen, wenn wir nach sorgfältigem Hinsehen zu dem Schluss kommen, dass sie für uns stimmig sind.
Natürlich darf ein Partner dazu eine Meinung haben und selbstverständlich dürfen erwachsene Kinder Bedenken äußern. Ich möchte Menschen um mich haben, die mir auch widersprechen können. Aber zwischen einer Meinung und der Entscheidung über mein Leben liegt ein gewaltiger Unterschied.
Eigenverantwortung heißt für mich schließlich nicht, blind irgendwo hineinzuspringen. Sie bedeutet gerade, dass ich selbst hinschaue, selbst prüfe und anschließend auch die Verantwortung für meine Entscheidung übernehme.
Und dann kann jemand anderes diese Entscheidung trotzdem falsch finden.
Damit muss ich leben können.
Und mein Gegenüber auch.
Ich möchte mein Leben nicht passend machen
Ich glaube, genau an diesem Punkt beginnt für viele Frauen über 60 noch einmal eine ganz besondere Lebensphase. Nicht, weil wir uns von unseren Familien lösen müssten, sondern weil wir uns aus manchen Selbstverständlichkeiten herauslösen dürfen.
Wir müssen nicht länger hauptsächlich dafür sorgen, dass alle anderen sich mit unseren Entscheidungen wohlfühlen.
Denn wenn ich mich nur noch so bewege, dass mein Umfeld ruhig bleibt, wird irgendwann mein eigenes Leben sehr ruhig. Und möglicherweise viel ruhiger, als ich es jemals haben wollte.
Ich möchte jedenfalls nicht irgendwann zurückschauen und feststellen, dass ich eine Idee nicht verfolgt, einen Weg nicht ausprobiert oder eine Chance nicht ergriffen habe, weil andere Menschen damit ein Problem gehabt hätten.
Mit über 60 interessiert mich nicht weniger vom Leben.
Mich interessiert mehr.
Ich möchte sehen, was noch entstehen kann, wenn ich meiner eigenen Erfahrung wieder vertraue und gleichzeitig neugierig genug bleibe, nicht zu glauben, ich hätte längst alles gesehen. Ich möchte Neues kennenlernen und auch noch einmal falsch abbiegen dürfen. Denn manchmal stellt sich genau dort heraus, dass der vermeintlich falsche Weg zu etwas führt, das auf der alten Route überhaupt nicht zu finden gewesen wäre.

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