SEI MIT DIR. Auch wenn andere Dich lieber anders hätten.
Über Selbsttreue, Verlustangst, die Grenzen der Toleranz und den Mut, das eigene Leben wirklich zu leben.
Drei Worte, die so einfach klingen und uns doch vor eine der größten Herausforderungen unseres Lebens stellen können: SEI MIT DIR.
Denn wirklich bei sich zu bleiben, bedeutet weit mehr, als sich selbst zu lieben, positiv zu denken oder hin und wieder eine Entscheidung für das eigene Wohlbefinden zu treffen. Es bedeutet, das, was wir in uns erkennen, auch tatsächlich zu leben. Unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Bedürfnisse und unsere Überzeugungen ernst zu nehmen, selbst dann, wenn sie nicht mehr zu den Erwartungen unseres Umfeldes passen.
Und genau dort beginnt eine Herausforderung, die in all den schönen Worten über Selbstliebe, Authentizität und persönliche Freiheit häufig viel zu wenig Beachtung findet. Denn was geschieht, wenn unsere Selbstbestimmung plötzlich Beziehungen verändert? Wenn Menschen, die uns nahestehen, unsere Entscheidungen nicht mehr verstehen oder akzeptieren? Wenn die Zugehörigkeit, die wir über viele Jahre als selbstverständlich empfunden haben, plötzlich ins Wanken gerät?
Ich habe schon vor vielen Jahren erkannt, dass es Konsequenzen haben kann, wenn ich wirklich das lebe, was ich denke, fühle und für mich als richtig empfinde. Dabei geht es überhaupt nicht darum, mit meinen Entscheidungen immer richtigzuliegen. Wir dürfen Fehler machen, uns irren, Erfahrungen sammeln und unsere Sichtweisen verändern. Das gehört zum Leben und zu unserer Entwicklung. Aber wir dürfen auch lernen, unserem eigenen Empfinden zu vertrauen und die Verantwortung für unseren Weg zu übernehmen.
Was mir damals längst bewusst war, konnte ich dennoch über lange Zeit nicht in seiner ganzen Konsequenz leben. Denn ich wusste auch, dass ich Beziehungen verlieren könnte, wenn ich meinen eigenen Weg gehe. Nicht irgendwelche oberflächlichen Bekanntschaften, sondern Menschen aus meinem engsten Umfeld, Menschen, die mir unendlich viel bedeuten. Teilweise hatte ich solche Erfahrungen bereits gemacht, und die Angst vor weiteren Verlusten war lange größer als meine Bereitschaft, wirklich uneingeschränkt zu mir selbst zu stehen.
Hinzu kam eine Frage, die mich tief beschäftigte: Würde mich mein selbstbestimmtes Leben überhaupt glücklich machen, wenn ich dafür Menschen verliere, die ich liebe? Wie würde sich diese Freiheit anfühlen, wenn gleichzeitig etwas wegbricht, das für mich einen so hohen emotionalen Wert besitzt?
Das ist eine Frage, die sich nicht einfach mit einem klugen Spruch über Selbstliebe beantworten lässt. Denn wir können das Neue noch nicht fühlen, solange wir es nicht erlebt haben, während wir den möglichen Verlust des Vertrauten sehr wohl erahnen können. Genau darin liegt eine enorme innere Spannung. Wir wissen, dass etwas nicht mehr stimmt, erkennen längst, wo wir uns selbst zurücknehmen, und bleiben dennoch in vertrauten Mustern, weil die Angst vor den Konsequenzen uns immer wieder zurückhält.
So bin auch ich über lange Zeit meinen Weg gegangen, aber eben nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich habe vieles erkannt, ausgesprochen und verändert, doch an manchen Stellen fehlte noch die letzte Konsequenz. Heute weiß ich, dass zwischen Selbsterkenntnis und gelebter Selbsttreue ein gewaltiger Unterschied liegen kann. Etwas zu verstehen, bedeutet noch lange nicht, dass wir es bereits in unserem Leben verkörpern.
Irgendwann wurde diese Diskrepanz für mich auch körperlich immer deutlicher spürbar. Mein Nervensystem, mein Körper, meine gesamte innere Verfassung zeigten mir auf ihre Weise, dass ich etwas längst erkannt hatte, das ich noch immer nicht vollständig lebte. Was mein Verstand wusste, war in meinem Leben noch nicht angekommen. Und irgendwann war für mich der Punkt erreicht, an dem ich eine Entscheidung treffen musste.
Diese Entscheidung fühlte sich damals beinahe schwarz-weiß an. Nicht, weil ich das Leben grundsätzlich in Schwarz und Weiß einteile, sondern weil ich für mich keine weiteren Ausweichmöglichkeiten mehr zulassen wollte. Ich war nicht länger bereit, meine eigenen Werte und meine innere Wahrheit einer scheinbaren Harmonie unterzuordnen, die nur bestehen konnte, solange ich mich selbst zurücknahm.
Das hatte nichts mit Rebellion zu tun und schon gar nichts mit einem Kampf gegen andere Menschen. Es war eine Entscheidung aus Erkenntnis und Bewusstsein, verbunden mit der Bereitschaft, auch die unangenehmen Konsequenzen nicht länger auszublenden.
Und nein, ich bin mit diesem Prozess noch nicht durch. Ich erlebe weiterhin Herausforderungen, Schmerz und Momente, in denen mich das Leben mit voller Wucht an meine eigenen Grenzen führt. Aber ich weiß heute mit einer Klarheit, die ich früher in dieser Form nicht hatte, dass dieser Weg für mich der einzig richtige ist.
Wie tolerant sind wir wirklich, wenn es persönlich wird?
Eine der tiefgreifendsten Erkenntnisse auf diesem Weg betrifft für mich das Thema Toleranz. Wir sprechen in unserer Gesellschaft unglaublich viel über Freiheit, Akzeptanz, Individualität und darüber, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen darf. Wir möchten verstanden, respektiert und in unserer Einzigartigkeit angenommen werden. Doch wie weit reicht diese Haltung tatsächlich, wenn die Selbstbestimmung eines anderen Menschen plötzlich unsere eigenen Erwartungen berührt?
Ich erlebe immer wieder, dass Menschen Toleranz für sich selbst einfordern und gleichzeitig große Schwierigkeiten haben, sie anderen entgegenzubringen. Sie möchten frei entscheiden, tragen aber selbst einen ganzen Rucksack voller Erwartungen an ihre Mitmenschen mit sich herum. Sie wünschen sich Verständnis für ihre Lebensauffassung, reagieren jedoch mit Ablehnung, sobald jemand in ihrem nahen Umfeld eine andere Haltung entwickelt oder Entscheidungen trifft, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen.
Gerade in engen Beziehungen wird das besonders deutlich. Solange wir uns in vertrauten Rollen bewegen, bestimmte Erwartungen erfüllen und das bisherige Miteinander nicht infrage stellen, erscheint vieles harmonisch. Doch sobald einer beginnt, sich zu verändern, eigene Bedürfnisse deutlicher wahrzunehmen oder Grenzen zu setzen, kann dieses vermeintlich stabile Gefüge erheblich ins Wanken geraten.
Plötzlich wird Selbstbestimmung als Egoismus empfunden, eine Grenze als persönliche Zurückweisung verstanden und eine andere Lebensauffassung als Angriff auf das bisherige Miteinander erlebt. Dabei muss die Entscheidung eines Menschen für sich selbst keineswegs eine Entscheidung gegen einen anderen Menschen sein.
Für mich ist Toleranz deshalb kein schöner Begriff, mit dem wir unsere Offenheit demonstrieren können. Sie ist eine lebenslange Aufgabe, die immer wieder unsere eigene Bereitschaft fordert, hinzusehen, zu unterscheiden und die Freiheit anderer Menschen tatsächlich anzuerkennen.
Auch ich bin darin Lernende. Auch ich kenne Enttäuschungen, wenn Menschen Entscheidungen treffen, die ich mir anders gewünscht hätte. Und auch ich darf immer wieder erkennen, wo meine eigenen Erwartungen beginnen und wo ich einem anderen Menschen zugestehen muss, dass seine Wünsche, Bedürfnisse und Lebensvorstellungen nicht mit meinen übereinstimmen.
Denn Toleranz bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder jede Entscheidung nachvollziehen zu können. Sie bedeutet, einem Menschen seine eigene Lebensauffassung zuzugestehen, selbst wenn sie meiner vollkommen widerspricht. Das kann auch bedeuten, etwas freizugeben, das für mich selbst sehr schön und wertvoll war, dem anderen Menschen aber nicht mehr dieselbe Bedeutung gibt.
Besonders in Partnerschaften und familiären Beziehungen kann das eine enorme Herausforderung sein, weil sich dadurch das gesamte Miteinander auf neue Füße stellen muss. Vertraute Rollen verändern sich, bisherige Selbstverständlichkeiten verlieren ihre Gültigkeit, und zwei Menschen stehen plötzlich vor der Aufgabe, einander neu zu begegnen.
Dabei zeigt sich für mich eine entscheidende Frage: Sind wir wirklich bereit, den Menschen zu sehen, der vor uns steht, oder halten wir vor allem an dem Bild fest, das wir uns über Jahre von ihm gemacht haben?
Wenn Erwartungen wichtiger werden als der Mensch
Ich glaube, einer der schmerzhaftesten Aspekte persönlicher Entwicklung liegt in der Erfahrung, dass gerade jene Menschen, bei denen wir niemals mit Ablehnung gerechnet hätten, plötzlich auf Distanz gehen oder unsere Veränderung nicht mittragen können.
Bei Menschen, die uns nicht besonders nahestehen, mag uns das enttäuschen. Aber wenn es unser engstes Umfeld betrifft, bekommt dieser Schmerz eine völlig andere Dimension.
Ich bin ein ausgeprägter Beziehungsmensch, ein Familienmensch, und ein harmonisches Miteinander hatte für mich immer einen hohen Stellenwert. Beziehungen sind für mich nicht beliebig austauschbar, und Menschen, mit denen mich tiefe Verbundenheit und gemeinsame Lebensgeschichte verbinden, verlieren nicht einfach ihre Bedeutung, nur weil sich etwas zwischen uns verändert.
Gerade deshalb haben mich manche Erfahrungen bis an meine emotionalen Grenzen geführt. Denn es ist zutiefst schmerzhaft, wenn ausgerechnet dort, wo wir uns sicher, angenommen und geliebt fühlen wollten, plötzlich Unverständnis, Distanz oder Ablehnung entstehen.
Besonders verletzend empfinde ich die Erfahrung, dass manchmal die Erwartungen an einen Menschen wichtiger zu sein scheinen als der Mensch selbst. Dass nicht mehr gesehen wird, wer dieser Mensch ist, was ihn bewegt, was er fühlt oder weshalb er bestimmte Entscheidungen trifft, sondern vor allem bewertet wird, ob er noch dem bisherigen Bild entspricht.
Dabei möchte ich sehr bewusst unterscheiden. Nicht jeder Widerspruch ist Intoleranz, nicht jede Enttäuschung bedeutet fehlende Liebe und nicht jeder Mensch, der mit unserer Veränderung Schwierigkeiten hat, möchte uns deshalb kleinhalten. Veränderungen können verunsichern, Ängste auslösen und auch beim Gegenüber einen schmerzhaften Prozess in Gang setzen. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine Verletzungen und seine Vorstellungen von Beziehung mit.
Doch genau deshalb braucht es die Bereitschaft, einander wirklich zuzuhören und nicht vorschnell über den anderen zu urteilen. Eine andere Meinung darf bestehen bleiben, ohne dass der Mensch dahinter abgewertet wird. Unterschiedliche Bedürfnisse dürfen ausgesprochen werden, ohne dass daraus sofort ein Kampf um richtig oder falsch entstehen muss.
Wenn allerdings eine Beziehung nur dann als harmonisch empfunden wird, solange einer seine Bedürfnisse zurückstellt, Erwartungen erfüllt und die eigene Entwicklung begrenzt, dann ist das für mich keine wirkliche, gesunde Harmonie. Es ist eine Pseudo-Harmonie, die nach außen Frieden vermittelt, während im Inneren etwas zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät.
Und genau diesen Unterschied möchte ich heute nicht mehr übersehen.
Sich selbst neu begegnen – und sich dabei auch mögen lernen
Doch bei all diesen Herausforderungen im Außen gibt es noch eine weitere Ebene, die für mich mindestens genauso bedeutsam ist. Denn wenn wir beginnen, nicht mehr ständig vor uns selbst wegzulaufen, wenn wir aufhören, unsere Bedürfnisse zu übergehen und unser Leben vorwiegend an den Erwartungen anderer auszurichten, dann begegnen wir irgendwann einem Menschen, den wir in dieser Form selbst noch gar nicht richtig kennen: uns selbst.
Wir sprechen so selbstverständlich davon, authentisch zu sein und unser wahres Selbst zu leben. Aber wer sind wir eigentlich, wenn wir die vielen Anpassungen, Rollen und Erwartungen, die uns über Jahrzehnte geprägt haben, nach und nach hinterfragen? Was bleibt übrig, wenn wir nicht mehr automatisch diejenige sind, die Verständnis hat, vermittelt, Verantwortung übernimmt oder dafür sorgt, dass es allen anderen gut geht?
Diese Fragen können uns zutiefst verunsichern. Denn wir entdecken dabei nicht nur neue Stärken, Bedürfnisse und Möglichkeiten, sondern auch Seiten an uns, die uns zunächst fremd erscheinen. Wir reagieren anders, setzen Grenzen, die wir früher nicht gesetzt hätten, und treffen Entscheidungen, die möglicherweise nicht einmal zu unserem bisherigen Selbstbild passen.
Und plötzlich stehen wir vor einer Herausforderung, die wir bei all unseren Erwartungen an die Toleranz anderer leicht übersehen: Wie tolerant sind wir eigentlich uns selbst gegenüber?
Können wir uns erlauben, anders zu werden, als wir uns selbst über viele Jahre gekannt haben? Können wir uns zugestehen, dass wir nicht immer verständnisvoll, geduldig und ausgeglichen reagieren? Dass wir auch wütend, enttäuscht, unsicher oder widersprüchlich sein dürfen, ohne uns dafür sofort zu verurteilen?
Ich empfinde gerade das als einen wesentlichen Teil dieses Weges. Denn Selbsttreue bedeutet nicht nur, nach außen für sich einzustehen. Sie bedeutet auch, sich selbst wieder kennenzulernen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich in dieser neuen Form überhaupt erst annehmen zu lernen.
Und das ist nicht immer angenehm. Manchmal mögen wir uns selbst in unseren neuen Reaktionen zunächst gar nicht besonders. Vielleicht erschrecken wir über unsere eigene Klarheit, weil wir uns früher ganz anders verhalten hätten. Vielleicht fühlen wir uns schuldig, wenn wir erstmals eine Grenze setzen, oder empfinden uns als hart, obwohl wir lediglich aufgehört haben, uns ständig zurückzunehmen.
Gerade dann braucht es diese Toleranz auch nach innen. Die Bereitschaft, uns nicht an einem alten Bild von uns selbst festzuhalten und uns nicht für jede Unsicherheit, jeden Fehler oder jede ungewohnte Reaktion zu verurteilen.
Sich selbst anzunehmen bedeutet für mich dabei keineswegs, alles an sich gutzuheißen. Auch hier dürfen wir unterscheiden, hinterfragen und korrigieren. Wir dürfen erkennen, wo wir aus einer Verletzung heraus reagieren, wo unser eigenes Ego laut wird oder wo wir einem anderen Menschen gegenüber ungerecht waren. Aber wir müssen uns dafür nicht gleich wieder selbst ablehnen.
Vielleicht besteht eine der größten Aufgaben darin, uns selbst dieselbe Menschlichkeit entgegenzubringen, die wir uns von anderen wünschen.
Und ich glaube, dass hier auch etwas ganz Wesentliches geschieht: Wir lernen nicht nur, uns selbst besser zu verstehen, sondern entwickeln allmählich eine neue Beziehung zu uns selbst. Eine Beziehung, in der wir uns nicht ständig antreiben, korrigieren oder an einem Ideal messen müssen, sondern in der wir beginnen, uns wirklich wahrzunehmen und auch für uns selbst zu sorgen.
Denn was nützt uns die größte äußere Freiheit, wenn wir innerlich weiterhin gegen uns selbst kämpfen?
Sich selbst zu nähren, sich selbst zu achten und sich in der eigenen Veränderung wieder mögen zu lernen, ist für mich kein oberflächliches Selbstliebekonzept. Es ist ein tiefgreifender Prozess, der Geduld, Bewusstsein und manchmal auch eine gehörige Portion Mut verlangt.
Und er führt uns zu einer Erkenntnis, die ich heute für besonders wertvoll halte: Wir müssen nicht erst zu einem vollkommenen Menschen werden, um mit uns selbst in Frieden sein zu dürfen. Wir dürfen uns auf unserem Weg kennenlernen, verändern, korrigieren und dabei immer mehr zu dem Menschen werden, mit dem wir selbst gerne leben.
Die Verantwortung für andere und die Verantwortung für mich selbst
Über viele Jahre habe ich viel Verantwortung übernommen, Menschen begleitet, unterstützt und versucht, ihnen auch in schwierigen Lebensphasen zur Seite zu stehen. Das war ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Lebens und meiner jahrzehntelangen therapeutischen Arbeit.
Rückblickend erkenne ich allerdings auch, dass ich Verantwortung getragen habe, die gar nicht meine war. Dass ich manchmal länger geblieben bin, mehr ausgehalten und mehr investiert habe, als mir selbst guttat, weil mir Beziehungen wichtig waren und ich Menschen nicht einfach aufgeben wollte.
Heute sehe ich das differenzierter. Einen Menschen zu begleiten, bedeutet nicht, seinen Weg für ihn zu gehen. Verständnis zu haben, bedeutet nicht, jede Entwicklungslosigkeit dauerhaft mittragen zu müssen. Und jemanden zu lieben, bedeutet nicht, sich selbst immer wieder zurückzustellen, damit der andere nichts verändern muss.
Ich habe keine Bereitschaft mehr, ein totes Pferd weiterzureiten, nur weil wir uns daran gewöhnt haben, darauf zu sitzen. Dieses Bild ist drastisch, aber es bringt etwas auf den Punkt, das ich in vielen Lebensbereichen beobachte. Menschen halten an alten Mustern, Überzeugungen und Situationen fest, obwohl sie längst spüren, dass sie darin nicht mehr weiterkommen. Sie drehen sich immer wieder um dieselben Probleme, rühren unermüdlich in ihrer Mangeltrommel und hoffen dennoch, dass sich irgendwann etwas verändert.
Das darf jeder Mensch für sich entscheiden. Auch das gehört zur Selbstbestimmung.
Aber ich muss nicht dauerhaft Teil dieser Wiederholungen bleiben. Ich darf erkennen, wo meine Verantwortung endet und die Verantwortung eines anderen Menschen beginnt. Ich darf einen Punkt setzen, ohne den anderen dafür abzuwerten, und ich darf weitergehen, auch wenn jemand meinen Weg nicht mitgehen möchte.
Das gelingt mir nicht immer vollkommen wertfrei. Auch ich habe meine Emotionen, meine Bewertungen und meine Momente, in denen ich mich über bestimmte Verhaltensweisen ärgere. Doch ich erkenne darin meine eigene Aufgabe, statt daraus den Anspruch abzuleiten, dass andere Menschen sich verändern müssen.
Für mich ist entscheidend geworden, dass jeder Mensch seinen eigenen Zeitpunkt, sein eigenes Tempo und seine eigenen Erfahrungen haben darf. Menschen dürfen sich neu entscheiden, dürfen wieder anknüpfen und ihren Weg verändern. Aber ich bleibe nicht stehen, weil andere stehen bleiben, und ich gehe auch nicht rückwärts, weil andere nicht vorwärts gehen.
Die kosmische Waschmaschine und der Schmerz, den niemand wegdenken kann
Wer glaubt, dass sich solche Veränderungen leicht und schmerzfrei vollziehen lassen, dem kann ich aus meiner eigenen Erfahrung etwas anderes erzählen.
Manchmal fühlt sich dieser Prozess an, als würde einen das Leben in eine kosmische Waschmaschine stecken. Man wird gründlich durchgewaschen, anschließend durchgespült und bekommt zum Abschluss noch einen ordentlichen Schleudergang. Und kaum glaubt man, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, taucht die nächste Erfahrung auf, die einen erneut mit den eigenen Ängsten, Verletzungen und ungelösten Themen konfrontiert.
Ich kann über dieses Bild schmunzeln, aber der Schmerz dahinter ist sehr real.
Gerade wenn wir tiefe Beziehungen infrage gestellt erleben, geht es nicht nur um eine Meinungsverschiedenheit oder eine unangenehme Auseinandersetzung. Es geht um Verbundenheit, um Zugehörigkeit, um gemeinsame Erinnerungen und manchmal auch um Lebensentwürfe, die wir über Jahrzehnte in uns getragen haben.
Da ist Trauer über das, was nicht mehr so ist, wie es einmal war. Da ist die Verletzung, nicht verstanden oder nicht mehr in der bisherigen Weise angenommen zu werden. Da ist die Angst, Menschen endgültig zu verlieren, und manchmal auch die schmerzhafte Erkenntnis, dass wir bestimmte Vorstellungen von Liebe und Beziehung loslassen müssen.
Für mich gehört es zu einem solchen Prozess, diesen Schmerz nicht wegzudrücken oder ihn mit positiven Gedanken überdecken zu wollen. Ich halte wenig davon, schwierige Gefühle sofort in etwas Schönes umdeuten zu müssen, nur damit sie besser in unser Bild von Bewusstsein und persönlicher Entwicklung passen.
Ich habe vielmehr gelernt, wie wesentlich es ist, den eigenen Schmerz anzuerkennen und ihm mit Achtung zu begegnen. Wenn ich davon spreche, den Schmerz lieben zu lernen, meine ich nicht, ihn festzuhalten, mich in ihm einzurichten oder ihn zu meinem dauerhaften Begleiter zu erklären. Ich meine, ihn als Teil meiner gegenwärtigen Erfahrung anzunehmen, ohne ständig gegen ihn anzukämpfen.
Denn Schmerz anzuerkennen bedeutet nicht, dass er bleiben muss. Und Trauer zuzulassen bedeutet nicht, dass wir darin versinken müssen.
Manchmal trauern wir nicht nur um Menschen oder Beziehungen, sondern auch um das, was wir uns von ihnen erhofft hatten. Um eine gemeinsame Zukunft, um eine bestimmte Form von Nähe oder um die Überzeugung, dass manche Verbindungen niemals ins Wanken geraten könnten.
Auch diese Trauer braucht ihren Platz. Sie ist nicht das Gegenteil von innerer Stärke, sondern Ausdruck dessen, wie viel uns etwas bedeutet hat.
Mut beginnt dort, wo die Angst mitgeht
Eine Erkenntnis ist für mich auf diesem Weg besonders wichtig geworden: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut entsteht gerade dort, wo wir Angst empfinden und uns dennoch entscheiden, einen Schritt zu gehen.
Ich glaube, wir warten im Leben viel zu häufig darauf, dass wir uns endlich sicher genug fühlen, bevor wir etwas verändern. Wir möchten vorher wissen, wie sich unsere Entscheidungen auswirken, welche Menschen bleiben, welche Beziehungen sich verändern und ob wir mit den Konsequenzen zurechtkommen werden.
Doch diese Gewissheit bekommen wir nicht immer im Voraus.
Gerade bei tiefgreifenden persönlichen Veränderungen können wir das Neue noch gar nicht vollständig fühlen, weil wir es noch nicht erlebt haben. Wir kennen das Vertraute, selbst wenn es uns längst nicht mehr guttut, während das Unbekannte zunächst nur als Möglichkeit vor uns liegt.
Und so kann die Angst vor dem Verlust des Alten größer werden als die Sehnsucht nach dem Neuen.
Ich kenne diesen inneren Konflikt sehr gut. Aber ich habe auch erfahren, dass sich manche Erkenntnisse erst im Gehen wirklich erschließen. Dass wir einen Prozess nicht allein durch Nachdenken, Analysieren oder Verstehen verkörpern können, sondern ihn tatsächlich erleben müssen.
Erst dann wird aus einer Erkenntnis eine Erfahrung, die nicht mehr nur in unserem Kopf existiert, sondern Teil unseres gelebten Lebens wird.
Das bedeutet nicht, unüberlegt Entscheidungen zu treffen oder jede Angst zu ignorieren. Angst kann uns auf wichtige Risiken aufmerksam machen, und manche Entscheidungen brauchen Zeit, sorgfältiges Abwägen und ein ehrliches Hinschauen.
Aber Angst darf nicht automatisch das letzte Wort haben.
Für mich ist Mut deshalb keine heldenhafte Eigenschaft, die uns über alle Zweifel erhebt. Mut ist die Bereitschaft, mit der eigenen Angst in Beziehung zu treten, sie wahrzunehmen und dennoch die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Beziehungen dürfen sich verändern, ohne dass wir uns selbst verlieren müssen
Mir ist wichtig, dass dieser Artikel nicht als Aufforderung verstanden wird, Menschen aus dem eigenen Leben zu drängen, sobald sie unsere Entwicklung nicht verstehen oder unsere Entscheidungen infrage stellen.
Darum geht es mir überhaupt nicht.
Ich möchte meine Beziehungen nicht leichtfertig aufgeben. Ich möchte Menschen nicht aus meinem Leben entfernen, nur weil sie anders denken, anders fühlen oder einen anderen Weg wählen. Gerade weil mir Beziehungen so viel bedeuten, wünsche ich mir ein Miteinander, in dem wir einander auch in unserer Unterschiedlichkeit begegnen können.
Aber ich möchte auch nicht mehr bereit sein müssen, mich selbst aus meinem eigenen Leben zu verdrängen, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten.
Ich wünsche mir Menschen in meinem Umfeld, die bereit sind, Toleranz nicht nur einzufordern, sondern sie selbst immer wieder zu entwickeln. Menschen, die nicht perfekt sein müssen, die Fehler machen dürfen und ihre eigenen Verletzungen mitbringen, aber bereit sind, hinzusehen und zu unterscheiden.
Denn wir alle kennen Momente, in denen unser Ego besonders laut wird, in denen wir uns angegriffen fühlen, recht haben möchten oder aus alten Verletzungen heraus reagieren. Entscheidend ist für mich nicht, dass solche Reaktionen niemals auftreten, sondern ob wir bereit sind, sie zu erkennen und uns nicht ausschließlich von ihnen bestimmen zu lassen.
Ob wir die leisere Stimme in uns noch wahrnehmen können, die uns daran erinnert, dass unser Gegenüber ebenfalls ein Mensch mit eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Erfahrungen ist.
Eine Beziehung, die auf gegenseitiger Achtung beruht, muss nicht frei von Konflikten sein. Sie darf unterschiedliche Auffassungen, schwierige Gespräche und Phasen der Neuorientierung beinhalten. Aber sie braucht die Bereitschaft, den anderen nicht auf seine Funktion, seine Rolle oder die eigenen Erwartungen an ihn zu reduzieren.
Manchmal finden Menschen auf dieser Grundlage wieder neu zueinander. Manchmal verändert sich die Form ihrer Verbundenheit, und manchmal müssen sie anerkennen, dass ein gemeinsamer Weg in der bisherigen Weise nicht mehr möglich ist.
Auch das gehört zum Leben. Und auch das darf schmerzen.
Warum ich diese Gedanken mit Dir teile
Ich schreibe diesen Artikel nicht, um Dir zu erklären, wie Du Dein Leben führen sollst. Ich möchte Dir auch keine klugen Ratschläge mit auf den Weg geben, die sich leicht aussprechen lassen, solange man nicht selbst in der betreffenden Situation steht.
Nach vielen Jahrzehnten therapeutischer Arbeit und unzähligen Gesprächen weiß ich, wie wenig wir häufig von dem erkennen, was ein Mensch tatsächlich in seinem Inneren bewegt. Oft verstehen Menschen ihre eigenen Reaktionen und Bedürfnisse noch nicht vollständig, weil sie selbst noch dabei sind, sich kennenzulernen und ihre Erfahrungen einzuordnen.
Wie sollte ich dann von außen wissen, welcher Schritt für sie der richtige ist?
Ratschläge können manchmal tatsächlich wie Schläge wirken, besonders dann, wenn sie die individuelle Lebensgeschichte, die emotionale Bindung und die inneren Konflikte eines Menschen nicht berücksichtigen.
Deshalb teile ich lieber meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse, ohne daraus eine allgemeingültige Anleitung zu machen.
Ich weiß, dass ein Mensch sich in den Gedanken und Erlebnissen eines anderen wiederfinden kann, ohne dass ihm jemand sagt, was er tun soll. Manchmal genügt ein einziger Satz, um etwas in uns zu berühren, das wir selbst schon lange gespürt, aber noch nicht in Worte fassen konnten.
Und manchmal entsteht genau daraus der Mut, sich selbst ein Stück näherzukommen.
Ich schreibe auch deshalb, weil ich nicht den Eindruck erwecken möchte, dass persönliche Entwicklung irgendwann abgeschlossen ist. Dass man nach genügend Erkenntnissen, innerer Arbeit und Lebenserfahrung an einem Punkt ankommt, an dem einen nichts mehr erschüttern kann.
Ich bin diesen Weg über viele Jahre gegangen, habe Menschen begleitet, unendlich viel gelernt und erlebt. Und dennoch stehe auch ich immer wieder vor Herausforderungen, die mich zutiefst berühren und von mir verlangen, meine Erkenntnisse nicht nur zu kennen, sondern tatsächlich zu leben.
Darin liegt für mich keine Schwäche. Darin liegt die Lebendigkeit unseres Menschseins.
SEI MIT DIR. Gerade dann, wenn es schwierig wird.
Heute weiß ich deutlicher denn je, dass ich mein Leben nicht mehr an einer Harmonie ausrichten möchte, die nur bestehen kann, solange ich mich selbst zurücknehme. Ich möchte meine Werte nicht aufgeben, nur damit andere sich mit meinen Entscheidungen wohler fühlen. Und ich möchte auch nicht von anderen verlangen, ihre eigenen Überzeugungen aufzugeben, um meinen Weg gutzuheißen.
Ich möchte lieben können, ohne mich dabei selbst zu verlieren, und verbunden bleiben, ohne mich verbiegen zu müssen. Ich möchte Menschen ihre Freiheit zugestehen und gleichzeitig meine eigene leben, auch wenn das bedeutet, dass sich Beziehungen verändern und vertraute Vorstellungen nicht mehr tragen.
Und ich möchte mir selbst auf diesem Weg immer wieder neu begegnen dürfen. Nicht nur der Frau, die ich über viele Jahrzehnte war, sondern auch der Frau, die ich heute bin und die sich weiterentwickelt. Mit Eigenschaften, Bedürfnissen und Entscheidungen, die mir selbst noch ungewohnt sind, mit Fehlern, die ich korrigieren darf, und mit der Bereitschaft, mich auch in meiner Veränderung anzunehmen und immer mehr zu mögen.
Denn auch die Beziehung zu uns selbst darf wachsen. Wir müssen uns nicht auf das Bild festlegen, das wir einmal von uns hatten, und wir müssen nicht darauf warten, vollkommen mit uns im Reinen zu sein, bevor wir beginnen, unser Leben wirklich zu leben.
Das ist keine Abkehr von der Liebe und auch kein Rückzug aus dem Miteinander. Im Gegenteil. Für mich ist es der Wunsch nach einer Form von Beziehung, in der Menschen einander nicht deshalb nahestehen, weil sie bestimmte Erwartungen erfüllen, sondern weil sie sich in ihrer Eigenständigkeit achten und anerkennen.
Ich bin noch mitten in diesem Prozess. Es gibt weiterhin Momente, die schmerzen, Fragen, auf die ich keine Antworten habe, und Entwicklungen, deren Ausgang ich nicht kenne. Doch ich habe aufgehört, meine eigene Entwicklung davon abhängig zu machen, ob andere Menschen bereit sind, sie mitzugehen.
Eine der tiefsten Herausforderungen unseres Lebens liegt für mich darin, anzuerkennen, dass wir andere Menschen lieben können, ohne über ihre Entscheidungen zu bestimmen, und dass wir uns selbst treu bleiben dürfen, ohne dafür die Liebe zu anderen aufgeben zu müssen.
Wir können nicht bestimmen, ob andere Menschen uns in unserer Veränderung weiterhin verstehen, anerkennen oder begleiten. Aber wir können entscheiden, ob wir uns selbst weiterhin verlassen, nur um ihren Erwartungen zu entsprechen.
Und genau diese Entscheidung habe ich für mich getroffen.
Nicht gegen meine Familie, nicht gegen meine Beziehungen und nicht gegen die Menschen, die mir wichtig sind. Sondern für ein Leben, in dem auch ich selbst meinen Platz habe, mit allem, was mich ausmacht, mit meinen Stärken, meinen Fehlern, meiner Verletzlichkeit und meiner Bereitschaft, weiter zu lernen.
Denn ich möchte nicht am Ende meines Lebens feststellen, dass ich zwar unendlich viel Verständnis für andere Menschen aufgebracht habe, mir selbst aber die Freiheit verweigert habe, wirklich ich zu sein.
SEI MIT DIR. Nicht erst dann, wenn alle anderen damit einverstanden sind. Sondern gerade dann, wenn es schwierig wird.
Martina Maria Kutter

Kommentare
Kommentar veröffentlichen